Dienstag, 7. Juli 2009

Fluchttendenzen.

Wie beschissen ängstlich und durchtrieben dieses Ego doch ist. Kaum bietet sich ihm die Gelegenheit, taucht es lieber in andere Wissensgebiete wie den verschiedensten Neuro-Wissenschaften ab. Ach komm, Du, das andere hat doch noch Zeit, raunt es. Hatten wir denn nicht auch schöne Zeiten? Im Grunde ist doch die Gesamtsituation nicht schlecht. Lass uns doch noch ein wenig rumschweifen.

Ruhe und Gelassenheit verführen den Wächter zur Unachtsamkeit. Momentan scheinen viele unterbrochene Handlungsfäden - meine Beschäftigung mit neuer Physik, mit Psychologie und Psychotherapie, mit Philosophie und Biologie - in einen einzelnen Handlungsstrang einzumünden. Der Stand der Neurowissenschaften gehört definitiv mal durchleuchtet, doch nebenbei, nicht im Vollfokus.

Wachsam bleiben.

Montag, 6. Juli 2009

Nachtgedanken / A.

Kraft ihres Amtes als letztgültige Erkenntnis des westlichen Denkens erklärt die Evolutionstheorie jeden Anwesenden zum Sieger.

Etwaige Unterschiede in der Behandlung und Entlohnung sind ausschließlich auf den entsprechenden Teilnehmer und dessen Wahrscheinlichkeitskonstituierung zurückzuführen und können dem Amt für Gerechtigkeitsangelegenheiten nicht in Rechnung gestellt werden.

Danke und gute Nacht.

P.S.: Information, in Formation bringen, Kommunikationskanal, Angleichung von Realitäten

Sprache.

Sprache ist das magische Ritual Scheinwirklichkeiten in Köpfe zu projizieren.

Issa ben Jussuf und der Chiastos.

Der etwas andere Blick auf Blick auf Gott und die Religion ...

Rüttelt man nur ein wenig an eingefahrenen Denkmustern (und Texte wie der obige tun dies), bleibt nur Staunen. Mögen manche Ideen auch etwas versponnen sein, in ihrer Gesamtheit finde ich unzählig neue, erfrischende Perspektiven.

Der Chiastos ist eine Transformationstechnik. Der Mensch, der ihn durchgeführt hat, ist nicht mehr derselbe, der er vorher war.

[...]

Im vorauseilenden Gehorsam das Plansoll übererfüllend arbeiteten von nun an tausende und abertausende von Mönchen und Gelehrten in den Klöstern daran, möglichst subtil und unmerkbar das Tor zum Chiastos wieder zu verschließen, zu überkleistern und zu überkleben, mit Heiligenlegenden, Moralinaufgüssen, und Katechismen. Der Chiastos wurde zum Chrestos, zum Gesalbten. Dem hatte man aber sein Fett gegeben. Und es blieb noch genügend Pomade übrig, um sie allen kommenden Generationen der Menschheit ins Auge und ins Gehirn zu schmieren.

Erfrischend bösartig.

Sein oder Nicht-Sein.

Einer der grundlegendsten Logiksätze des westlichen Denkens ist der Satz vom ausgeschlossenen Dritten: etwas ist oder es ist nicht. Jeder Begriff, jede Kategorie - schlußendlich stützt sich unser gesamtes Denken auf diesen einen Satz, auf die Fiktion von Sein und Nicht-Sein, auf dualistisches Denken.

Die Realität - ständiges Werden. Nirgendwo läßt sich ein Sein entdecken. Panda rei / alles fließt, sagt Heraklit. Die Phaenomene entstehen und sie vergehen wieder. Nichts hat Bestand, nichts entsteht aus sich selbst. Begriffe ziehen künstliche Grenzen, wo keine Grenzen sind. Unterscheidung zerschneidet die Wirklichkeit in fiktive Teile. Das geistige Spiel mit diesen Teilen ist nur ein semantisches Schattenspiel ohne Bezug zur Realität.

Im Bereich des Werdens gibt es keinen Satz von der Identität, vom Widerspruch, und vom ausgeschlossenen Dritten.

[...]

Wenn uns unsere Sprachstruktur, die Grammatik, mit ihrer alles dominierenden Form von "Subjekt-Prädikat-Objekt" suggeriert, daß da immer ein "seiendes" Subjekt sein muß, das an einem "seienden" Objekt etwas "tut", dann kann man irgendwann einmal nicht mehr den Gedanken fassen, daß es auch anders sein könnte.

[...]

Wir Menschen bilden eine Kristallisationsfläche, an der sich das Bewußte reflektiert. Wir sind die Subjektivität der Reflexion des Universums. Aber durch diese Subjektivität in keiner Weise bevorzugt oder ausgenommen, abgelöst, oder speziell. In dem Augenblick, in dem wir unsere Einheit mit dem Universum erfahren, erfüllt uns die unendliche Klarheit der Erkenntnis, die jenseits des Denkens liegt, die Prajnaparamita. Dafür gibt es keine Worte mehr, und wir sagen nur noch: Aha!

Plato war nicht konsequent genug. Er enttarnte zwar einen Teil der Wirklichkeit als Lug und Trug, aber er ließ seine "Ideen" bestehen. Dabei sind die doch am allerwenigsten real.

Das Sprach/Denksystem ist ein autonomer Prozess, der in unseren Gehirnen abläuft, von dem wir uns hypnotisieren lassen. Wir können aber diesen Prozess in seiner Automatik einfach weiterlaufen lassen, und unsere Aufmerksamkeit von dem Automatismus abwenden. Gelingt uns das, so sind wir in Nirvana eingetreten.

Der Rauswurf aus dem Paradies war das Resultat der Erkenntnis von Gut und Böse. Vor der Existenz begrifflicher Unterscheidung war bzw. ist alles paletti - sagt der schlitzäugige Dicke.

Das Visuddhi-Magga ("Der Weg zur Reinheit") liest sich zwar ausgesprochen schwer, doch die zu findenden Kuriositäten sind es allemal wert. Nun weiß ich unter anderem endlich wie man gezielt über's Wasser wandelt. Es fehlen zwar wahrscheinlich noch ein paar Lebenszyklen des Übens, aber der Trick ist zumindest durchschaut. Kochen doch auch nur mit Wasser, die Kerle.

ein bischen Literatur (Quelle der Zitate) ...

Donnerstag, 2. Juli 2009

Alternativprogramm / III.

Ich versuche mich rational an den mittleren Weg, den Weg des Erwachens, heranzutasten. Wenn es einem gelingt, in Meditation jegliches Unterscheiden aufzugeben, scheint man irgendwann wie aus einem Traum aufzuwachen.

Beim Lesen des Lankavatara-Sutra schwirrt mir der Kopf. Der Zustand nichtdualer Wahrnehmung - also Wahrnehmung ohne jeglicher Unterscheidung - läßt sich nicht in Worte fassen. Jedes Wort ist ja schlußendlich eine Unterscheidung. 'Sein' läßt sich nur in Kombination mit 'Nichtsein' denken. Ein Nachher braucht das Vorher. In welchen, sonderbaren Zustand gerät der Geist ohne Unterscheidung? Eins ist klar: alle großen Mystiker, Heilige und Propheten scheinen den Sprung in dieses "Erwachen" vollzogen zu haben. Die Texte weisen eine zu hohe Ähnlichkeit auf.

Der Kopf schwirrt. Nun wundert es mich nicht mehr, das sich aus diesem Sutra Zen entwickelt hat. Dieser Text ist ja praktisch schon eine Aneinanderreihung von dem, was später in der Zen-Praxis als Koans "erfunden" wird. Koans sind grob gesagt Fragen, die sich aus dualem Denken ergeben, und nicht-duale Antworten ("weder Sein noch Nicht-Sein", "sowohl Sein als auch Nicht-Sein") dazu. Für den gewöhnlichen Denkprozess liegt ein Paradox vor. Zwar "löst sich" das Paradox stets nach dem selben Muster, doch fehlt dem gewöhnlichen Denkprozess die Einsicht, das es wirklich so ist. Erst in der Sicht der Soheit, im Erwachen, lösen sich diese Paradoxa wirklich auf.

Dann werd' ich halt später mal Mystiker. Ist ja auch okay. Wie schrieb Lama Gendün Rinpoche?

"Ich habe keine Lebensgeschichte. Ich habe nur Tee getrunken und Tsampa gegessen".

Ein wunderbarer Satz.

Mittwoch, 1. Juli 2009

Alternativprogramm / II.

Damit die verregneten Tage nicht nutzlos verstreichen und da das Amazon-Päckchen erst gestern Mittag geliefert wurde, habe ich in der Zwischenzeit noch "Das Tibetische Buch vom Leben und vom Sterben" von Sogyal Rinpoche (eine zeitgemäße Auslegung des tibetischen Totenbuchs) und "Der kostbare Schmuck der Befreiung" von Gampopa, eine systematische Übersicht de tibetischen Buddhismus aus dem 12. Jahrhundert, gelesen.

Eigentlich sollte es für jeden Pflicht sein mindestens einmal im Leben ein Buch wie "Das Tibetische Buch vom Leben und Sterben" zu lesen und darüber nachzudenken. Es erschüttert in vielerlei Hinsicht, gibt jedoch auch Hoffnung, doch vor allem ist es eins: ein wunderbarer Ratgeber wie man leben sollte und wie man dem Sterben (dem eigenen und dem von anderen) menschlich begegnet.

"Der kostbare Schmuck der Befreiung" ist das älteste Lehrwerk des tibetischen Buddhismus, das den Stufenweg zur Erleuchtung (Mahayana / das große Fahrzeug) systematisch und umfassend beschreibt (so der Klappentext). Nun: umfassend ist natürlich relativ, aber für nur knapp 250 Seiten ist erstaunlich viel Theorie wie auch Praxis enthalten. Besonders interessant fand ich die Ausführungen bezüglich des Karma, der verschiedenen Höllenbereichen und welche Vergehen zu welchen Widergeburten führen. Lügen und Geschwätzigkeit führen z.B. in ihren schlimmsten Auswirkungen zu einer Widergeburt im Tierreich. Der, den es trifft, wird die sprichwörtliche "dumme Sau", die er schon im Leben war.

Aus den Prinzipien des Karma und dem ewigen Kreislauf der Wiedergeburten in den unterschiedlichsten Bereichen erwächst auf ganz natürliche Art und Weise Ethik, die ganz ohne Imperativen ('Du sollst ...') auskommt. Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg' auch keinem anderen zu - denn es wird Dir sonst in diesem oder in einem Deiner weiteren Leben selbst zugefügt werden.

Es braucht keinen Gott, der - gnädig oder strafend - richtet und auf dessen Erbarmen man hoffen kann. Genauso wenig läßt sich auf Erlösung durch Nichtexistenz hoffen. Es gibt keine einfache Möglichkeit zur Flucht. Erlösung muß wirklich verdient werden. Jegliches empfundene Leid ist schlußendlich nur natürliche Gerechtigkeit, ein Bußetun, auch wenn sich uns die Ursachen und Gründe nicht erschließen, weil sie zu weit in der Vergangenheit liegen.

Je mehr ich lese, umso stärker wird der Wunsch in mir, einen spirituellen Weg einzuschlagen. Wenn die Wahrheit wirklich erfahrbar ist (wie die buddhistischen Lehren sagen) - welcher Weg in die Zukunft sollte dann wichtiger sein? Frustieren mich schon die sich wiederholenden großen und kleinen Dramen in diesem einen Leben, wie frustierend ist dann der Gedanke an unzählige zu durchleidenden Menschenleben (wobei die Wiedergeburt als Mensch schon als Glück angesehen werden kann)?