Dienstag, 17. März 2009

Apropos Kind.

Nach Monaten des Verzichts habe ich mir gestern mal wieder einen Spieltag gegönnt. Die XBox360 abgestaubt, "Colin McRae: Dirt" ins Laufwerk und dann 973 Kilometer mit jeglicher Art von Gefährt durch die Pampas geheizt. Mit dem Forcefeedback-Wheel ist das Spaß pur. Das Wagensetup sollte man aber auf jeden Fall etwas anpassen. Die Original-Setups sind grausame Schaukelorgien. Ordentlich tiefer gelegt mit härten Dämpfern bleibt der Wagen auch auf der Strecke.

Heute gab's als Nachschlag noch ein paar Stunden Online-Matches. Mit eher ernüchterndem Erfolg. Das man dabei gezwungen ist, die sensiblen Original-Setups zu verwenden, läßt auch nicht wirklich Spaß aufkommen, zumindest wenn man so wie ich ausschließlich mit Innenperspektive fährt (alles andere ist doch irgendwie geschummelt). Die Wagen fahren sich wie rohe Eier, brechen ständig aus, haften kaum in den Kurven. Bei dem Geschaukel ist man mit der Innenperspektive praktisch blind. Nö. Nicht spaßig.

Hartnäckig.

(...) ein Mysterium, sogar für Dich selbst, ein Mann mit allem, was dazu gehört, und ein quasi im finsteren Wald herumirrendes Kind.

Sie gibt wohl nie auf.

Montag, 16. März 2009

40 Tage: Von einem, der auszog seine Wüste zu suchen.

Als Westeuropäer Erleuchtung zu finden, ist wirklich nicht einfach, denn es mangelt praktisch an Allem. Wüste? Nada. Was Vergleichbares? Unwahrscheinlich. Selbst in den Bergen rennen Dir ständig Menschen über die Zehen. Trott, Trott, Trott. Bitte, danke.

Alternativ: vielleicht wegfahren? Den Camino gehen? Irgendwie ist das heute viel zu abgedroschen. Nein, ich starte von hier und gehe geradeaus gegen Norden. Bis zum Meer sind es laut Google Maps 950 Kilometer. Das sollte in 40 Tagen zu schaffen sein. Wüste gibt es dort zwar auch keine, aber der Weg - durch die Tschechei und dann an der Grenze zwischen Polen und Deutschland entlang - sieht interessant aus.

Etwas trainieren sollte ich vielleicht vorher. Zuerst mal ein paar Tage. Dann länger und dann los. Klingt nach einem Plan.

Freitag, 13. März 2009

Zurück auf Start.

Es fällt mir schwer, davon zu ablassen - denn eigentlich macht es auch unheimlich Spaß - aber mein Fehler liegt genau in dieser hektischen Betriebsamkeit, in die ich seit letzten Juni verfallen bin. Ich arbeite faktisch rund um die Uhr, doch ich schließe keines der unzähligen Projekte ab. Sobald auch nur ein Ende, ein klarer Plan, das mögliche Produkt hinter ein paar schnell zusammengeschusterten Prototypen in Sicht ist, lasse ich wie von der Tarantel gestochen davon ab. Nicht, weil ich die Arbeit scheuen würde (im Gegenteil), sondern, mit dem Ende in Sicht, verliert sich auch die Faszination. Was mich vorher Tage, Wochen oder Monate zu 100% gefesselt hat, ist weg. Ich weiß, das es geht, ich weiß wie es funktioniert und was noch von Nöten ist, der Problemlösungzyklus ist abgeschlossen.

Okay. Ich habe es verstanden. Genau das bin ich bzw. das bin ich auch. Ich kann diese Seite nicht verleugnen und ich laufe auch nicht rund, wenn ich sie nicht ausleben kann. Das sich diese Seite, die phasenweise fast völlige Abwesenheit, schwer in ein soziales Umfeld einbauen läßt, ist auch klar. Völlig unklar ist jedoch: wohin?

Also zurück zum Start. Zumindest ein wenig klüger.

Natürlich könnte ich auch noch so weitermachen. Diese Ungezwungenheit in der Thematikwahl steigert die Qualität des Auslebens natürlich immens (viel Neues und Unbekanntes), doch es wäre töricht. Zumindest empfinde ich es als Zeitvergeudung, was nicht sonderlich viel heißen will, da sich momentan fast alles nach Zeitvergeudung anfühlt. Fast 100%ige Fokussierung läßt nicht viel Spielraum, was Zeit betrifft.

Es ist einer der seltsamen Zufälle, das mir Norman Fischers Buch in die Hände gefallen ist. Irgendwie beschäftigt mich seit Wochen das Thema der Heldenreise. Also so nebenbei - in den selbsterzwungenen Pausen greife ich mir das eine oder andere Buch - steht ja genug rum. Von all den Heldengeschichten erschient mir die von Odysseus und seiner Rückkehr am Menschlichsten. 9 von 10 Jahren verbringt er an der Seite der bezaubernsten Frauen und dann will er uns weiß machen, das wären 10 Jahre der Irrfahrt gewesen. Blödsinn. Er hat die Zeit durchaus genossen, doch das paradoxe ist: schlußendlich muß und will er heim. Obwohl er weiß, daß ihn das, das Leben kosten wird. Voller Rätsel, Mysterien und Wunderlichkeiten des Menschseins ist die Geschichte, genauso wie es auch die östlichen Schriften sind.

Gerade noch darüber nachgegrübelt, halte ich Norman Fischers Buch in den Händen. Scheinbar erst erschienen, ist es das erste und einzige Buch, das ich an diesem Tag probehalber in die Hand nehme. Klaut mir der doch da meine verworrenen, noch ungaren Gedanken und formuliert sie aus. Feines Service. Das spart Zeit.

Vielleicht sind es genau die paar Worte mehr, die gefehlt haben. Jeder Reise fängt mit dem Warten an. Es ist unumgänglich.

Das alte Leben sollte ich jedoch entsorgen. Irgendwie sieht es hier immer noch so aus als wollte ich jeden Moment dorthin zurückkehren. Als würde ich nur mal ein wenig Pause machen, ja, wäre nicht mal einen einzigen Moment weg gewesen. Die Sachen aus dem Büro liegen z.B. noch immer genauso rum, wie ich sie erstmals abgestellt habe. Das sehe ich jeden Tag und jeden Tag nervt es. Von den anderen hunderttausend Sachen ganz zu schweigen. In meinem Rückzug vor Dingen, die es sonst auch noch zu erledigen gäbe, bin ich mittlerweile im hintersten Winkel meiner Wohnung angelangt. Also so geht's auch nicht. Es wird Zeit für Zügel.

Lebensgeschichten.

Auch die meisten unserer verschiedenen Lebensgeschichten sind falsche Geschichten, zweifelhafte Geschichten, unvollständige Geschichten. Meist haben wir nicht vor, zu täuschen, aber oft ist es notwendig. Um in unserem Leben weiterzukommen, von einem Ort zum anderen zu gelangen, müssen wir irgendwann eine Geschichte vorweisen: Dies und das bin ich, dies und das will ich, dahin und dorthin will ich gehen. Um erwachsen zu werden, uns in die Gesellschaft zu integrieren, mit anderen umzugehen, in unserem Leben weiterzusegeln, brauchen wir Geschichten, Identitäten, plausible Charaktere und vorwärtsschreitende Erzählungen, die eine Handlung voranbringen. Aber sogar die Geschichten, die wir uns selbst erzählen, um unser Leben voranzutreiben, sind unweigerlich ganz und gar oder teilweise falsch. Manchmal sagen wir, wer wir sind, um uns selbst oder jemand anderen zu überzeugen, doch eigentlich sind wir das gar nicht. Manchmal sind wir nahe daran, zu sagen, wer wir wirklich sind, aber niemand glaubt uns. Und manchmal sagen wir nicht, wer wir sind, weil es nicht die richtige Zeit oder der richtige Ort dafür ist. Während wir unsere eigene Geschichte praktisch anwenden, geht uns auf, dass wir viele Geschichten haben, wahre, zweifelhafte, falsche Geschichten - wie jeder Mensch, den wir kennenlernen.

Gibt es denn so etwas wie eine wahre Geschichte? Oder wenigstens eine Geschichte, die einstweilen wahr ist? Und ob sie nun wahr ist oder nicht - was heißt das eigentlich, dass wir unsere Geschichte leben? Die Suche nach den Antworten auf diese Fragen treibt uns voran auf der Heimreise: Wir müssen die wahrste Geschichte erzählen, die wir für das Leben, das wir jetzt leben, finden können.

Aber keine Geschichte kann völlig wahr sein. Solange wir am Leben sind, ist unsere Geschichte immer zweifelhaft, weil sie ja noch nicht vorbei ist. Was als Nächstes geschieht, könnte sie ändern, genauso wie zuweilen am Ende eines Romans etwas geschieht, das die ganze Vorstellung, die wir uns von dem Roman gemacht haben, verändert.

Norman Fischer: Zen oder die ewige Heimkehr des Odysseus

Über die Vergänglichkeit.

Egal, wie unsere Lebensumstände sind, besteht das Leben unweigerlich aus einer Reihe plötzlicher oder allmählicher Verluste, die von Pausen unterbrochen sind, eigentlich nur Zwischenstopps vor den Verlusten, die noch kommen werden. Aber machen Sie sich nichts aus den offenkundigen Verlusten, die jedes Leben mit sich bringt. Selbst wenn alles aufregend, lustvoll, froh und glänzend ist, gibt es dennoch Verluste. Denn was ist ein Augenblick der Zeit anderes als ein Augenblick der Zeit, die vergeht, und wenn wir irgendetwas bekommen, leisten oder erleben, ist das nichts anderes als ein Anlass, uns von der Freude, die wir empfinden, langsam zu lösen, eine Befreiung also und eine Ernüchterung, die genau in dem Augenblick beginnen, da sich die Freude einstellt. Das wahre Leben stimmt nicht mit den naiven Beschreibungen überein, die wir mit den Pressemitteilungen bekommen, welche Eltern, Lehrer und gesellschaftliche Institutionen an uns weiterleiten. Das wahre Leben ist widersprüchlich und problematisch. Wenn Sie bereit sind, unbeirrbar hinzusehen, werden Sie erkennen, dass selbst das Glück auf Verlust beruht. Die Dankbarkeit, Liebe oder Lust, die wir empfinden, hängt von der Vergänglichkeit der Dinge ab. Weil das, wofür wir dankbar sind, so selten ist, freuen wir uns so darüber.

Dennoch greifen wir nach Freude, Liebe und Lust, wenn wir sie bekommen können, und wie die Achaier in der Versammlung auf Ithaka versuchen wir wegzuschauen, wenn Kummer droht. Das ist ein ganz normales Verhalten in einer ganz normalen menschlichen Zivilisation. Ja, man könnte die Zivilisation als einen ausgeklügelten, sympathischen Mechanismus definieren, mit dessen Hilfe wir grundlegenden Wahrheiten über unser Leben aus dem Weg gehen. Es ist normal, dass wir solche ungeheuren Geheimverstecke von Kummer und Traurigkeit in uns haben, die wir ein Leben lang aufsparen. Wie Telemachos müssen wir darauf warten, dass sich die Gefühle ansammeln und in uns reifen, bis die Zeit kommt, dass sie an die Oberfläche steigen - bis wir endlich bereit sind, damit herauszuplatzen.

(...) Leben ist nicht etwa deshalb Leiden, weil es immer so schrecklich ist, sondern weil es so radikal vergänglich ist - jeder einzelne Augenblick davon. Das ist das Wesen des Lebens: Alles, was darin erscheint, verlieren wir, all unsere Gedanken, all unsere Freunde und Lieben, unseren Körper und unsere Gefühle. Das ist die erste Wahrheit, denn wenn wir auf unserer Heimreise fortfahren, müssen wir von Anfang an realistisch sein und die Lage, wie sie ist, ehrlich einschätzen. Solange wir sie mit Ablenkungsmanövern, Abstraktionen und Ängsten verleugnen, vertuschen, vermeiden oder verbergen, können wir nicht einmal anfangen.

Norman Fischer: Zen oder die ewige Heimkehr des Odysseus

Montag, 2. März 2009

Was fehlt Dir?

Freud's Psychotherapie lässt sich auf zwei banale Sätzen reduzieren:
  1. Stell' dich nicht so an.
  2. Was fehlt Dir?
Für Ersteres werden dem Patienten behutsam die Augen geöffnet. Man nimmt ihm sein Alleinstellungsmerkmal, zeigt auf, das sich auch Andere in der gleichen Situation befinden. Das Kochrezept ist in fast allen Ansätzen das Gleiche: relativiere die persönliche Tragik, zeige die anderen Perspektiven.

Das Zweitere ist der schwierigere Part. Zumindest empfinde ich ihn heute als den schwierigeren Part. Da brodelt zwar einiges in mir vor sich hin, doch nichts davon könnte ich konkret benennen. Ich flüchte mich in Allgemeinplätze: ein anderer Mensch, Nähe, eine Gefährtin, Sex. Zumindest das sollte doch jedem Mensch fehlen, spätestens dann, wenn er lange genug darauf verzichtet hat. Nichts ist falscher als diese Annahme. Wahr ist: es fühlt sich nicht mal mehr wie Verzicht an.